22.Juni 2017 (Selbstliebe contra Agape)

    • 22.Juni 2017 (Selbstliebe contra Agape)

      .

      Selbstliebe contra Agape

      Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die [Gebote]: »Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren« — und welches andere Gebot es noch gibt —, werden zusammengefasst in diesem Wort, nämlich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Römer 13:8-10)

      Fünfmal steht das Wort Liebe oder lieben in diesem kleinen Abschnitt und fünfmal steht hier das griechische Wort „agape“, eine Liebe, die der Mensch nicht selbst produzieren kann, weil sie göttlich ist und wenn man so will, das gesamte Reich Gottes zusammenhält, so wie Angst und Furcht das Reich Satans zusammenhält. Deshalb schließt auch das eine das Andere aus. Selbstliebe ist immer menschlich bzw. teuflisch, denn Selbstliebe ist die Tür in Selbstsucht und anderen Götzendienst, wie Paulus in 2.Timotheus 3:1-4 aufzählt. Das erste, was diese „Selbstliebe“ macht, ist, dass sie uns unter eine Decke bringt, unter der wir agape, phileo und eroto nicht mehr unterscheiden können oder wollen. Es gab schon in den 50ern einen Schlager mit dem Titel: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Die Verneinung dieser Frage, die in diesem Titel bereits verborgen ist, legitimiert sämtliche Perversion der Ordnung Gottes, weil zwischen diesen drei Arten von Liebe nicht mehr unterschieden wird.

      Nun wissen wir, dass das Wort Liebe nicht ein ausschließlich ein biblisches ist. Wir verwenden diesen Begriff in allen möglichen Situationen des Alltags mit den verschiedensten Bedeutungen: ich liebe die Sonne, den Mond und die Sterne, ich liebe Beethoven oder Mozart, wobei wir ihre Musik meinen, und vieles andere könnte hier aufgezeigt werden was wir `lieben`. So hat gerade der Begriff Liebe einen Ausverkauf an Bedeutung erlebt, gar nicht zu reden von dem, was man in den zwischenmenschlichen Beziehungen heute landläufig Liebe nennt. Liebe ist also durchaus nicht gleich Liebe. So spricht man ja auch z.B. von der großen Liebe, der leidenschaftlichen oder gar der verbotenen Liebe. Gerade deshalb ist es notwendig, dem wahren Inhalt dieses Begriffs „agape“ einmal nachzuspüren.

      Im Gemeindeleben, in der Bruderschaft, in der Nächstenliebe und in der Liebe zu Gott geht es ausschließlich um die vollkommene Liebe, um die Agape, um die göttliche Liebe. Paulus versuchte sie mit menschlichen Worten anhand ihrer Eigenschaften zu beschreiben:

      „Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. Die Liebe hört niemals auf.“ (1.Korinther 13:4-8)

      Wenn jetzt von der vollkommenen Gottesliebe die Rede ist, wird mancher denken: Wer kann das schon so perfekt leben? Ist das nicht unmöglich? Und deshalb lehrt man, dass nur Gott zu so einer Liebe fähig sei. Aber das widerspricht dem, was Paulus an anderer Stelle schreibt:

      „Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“ (Römer 5:5)

      Er redet hier zu gläubigen, wiedergeborenen Menschen und sagt: „Diese Agape ist bereits in eure Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der euch gegeben worden ist.“ Auch hier greift das „es ist vollbracht“ Jesu am Kreuz. Wenn man das zu Grunde legt, also der Schrift glaubt, dann ist ein Gebet wie: „Herr gib mir mehr Liebe für diesen oder jenen oder mich selbst völlig daneben. Wenn ich diese frommen Gebete höre, seh ich manchmal Jesus vor meinen geistigen Augen stehen und hör ihn sagen: „Das ist doch alles bereits geschehen. Es ist vollbracht. Nun liegt es an dir, zu erlauben, dass mein Heiliger Geist diese Liebe in dir wachsen lassen kann, oder dem entgegen zu wirken. Das hat absolut gar nichts mehr mit Gefühlen zu tun, es ist eine Sache des Willens und wenn du das wirklich willst, wird es dir der Vater auch schenken, denn er schenkt nicht nur das Wollen, sondern auch das Vollbringen (Römer 7:18).

      Was mich in Römer 5:5 besonders beeindruckt, ist die Formulierung „ausgegossen“. Das sagt doch aus, dass diese Liebe Gottes im reichen Maße gegeben ist, nicht getröpfelt, sondern eben gegossen, wobei ich unwillkürlich an ein Bild denke, wo mit Eimern etwas ausgegossen wird. Das bedeutet doch, dass wir Liebe Gottes reichlich zur Verfügung haben, wenn wir nur bereit sind, sie weiterzugeben. Weiterzugeben eben auch an Menschen, die nicht unbedingt unsere Sympathie und guten Gefühle haben, aber Liebe brauchen! Hier wird oft gefragt, wie solch eine Liebe wohl praktiziert werden könne. Denn, so sagt man, ich kann doch dem anderen nicht etwas vortäuschen, was ich ich gar nicht habe. Das wäre doch unehrlich und letztlich auch nicht in Liebe gehandelt. Dazu wollen wir uns in Erinnerung rufen, dass die göttliche Liebe sich eben nicht auf positive Gefühle oder Symphatien und auch nicht auf schöne Worte gründet:

      „Meine Kinder, lasst uns nicht mit Worten lieben noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit!“ (1.Johannes 3:18)

      Letztendlich stellt uns diese Agape, die in uns ausgegossen ist vor eine Entscheidung, nämlich ob wir uns dem Heiligen Geist öffnen, der diese Liebe in uns immer mehr in alle Bereiche unseres Seins fließen lassen will, oder wir öffnen uns anderen Geistern, die genau dies verhindern wollen. Als Eva von Thiele-Winkler ihr Leben dem Herrn und dem Dienst am Nächsten weihte, und ihr Liebeswerk an Armen, Kranken und Waisenkindern begann, da betete sie, „dass der Dämon der Selbstliebe keine Gewalt über sie gewinnen möge.“

      Die Agape, die göttliche Liebe, ist in der Lage auch da noch zu lieben, wo wir keine Sympathie, keine guten Gefühle mehr aufbringen können. Sei es in Bezug auf den Nächsten, den Bruder, die Schwester, in Bezug auf uns selbst oder gegenüber Gott. Nur so ist es verständlich, dass Jesus uns auffordert: du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft und deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

      Nicht die Frage des Könnens steht hier im Vordergrund, sondern des Wollens! Diese Sichtweise wird durch die heute viel gepredigte Selbstliebe verschleiert, bzw. vor unsern Augen und Herzen verborgen. Vor Fromm und Trobitsch stand diese biblische Sichtweise den Gläubigen klar vor Augen. So schrieb Angelus Silesius, mit bürgerlichem Namen Johann Scheffler, 1657 in seinem Gedichtband „Heilige Seelen-Lust“ ein Gedicht, das eines der bekanntesten Kirchenlieder werden sollte, in dem wir bereits in der ersten Strophe 4 mal die Willenserklärung, sich dieser in uns ausgegossenen Agape hinzugeben, finden:

      Ich will dich lieben meine Stärke,
      ich will dich lieben meine Zier.
      Ich will dich lieben mit dem Werke
      und immerwährender Begier.
      Ich will dich lieben, schönstes Licht,
      bis mir das Herze bricht.


      Auch die dem großen Zapfenstreich zugrundeliegende Hymne von Gerhard Terstegen sagt uns, dass sich Selbstliebe und Agape gegenseitig ausschließen, es war für die Christen der letzten 300 Jahre nahezu selbstverständlich:

      Ich bete an die Macht der Liebe,
      die sich in Jesus offenbart;
      ich geb mich hin dem freien Triebe,
      wodurch ich Wurm geliebet ward;
      ich will, anstatt an mich zu denken,
      ins Meer der Liebe mich versenken

      .

      .