Trauer statt Verdrängung

    • Trauer statt Verdrängung

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      Trauer statt Verdrängung

      Jetzt glaub bitte keiner, ich wolle hier eine Laudatio auf Selbstbefriedigung schreiben, mir geht’s nur darum, dass wir nicht einfach alles ungeprüft übernehmen, was uns die fromme Welt überstülpt. Deshalb prüfe ein jeder für sich selbst, was für ihn gut und richtig ist und was nicht.

      Ich denke, es ist in diesem Fall nicht anders, als bei anderen Bedürfnissen die Frage: Wer beherrscht wen? Es gibt genügend Bibelstellen, die Alkohol (Wein) als Geschenk der Freude preisen, das trifft allerdings nicht darauf zu, sich daran zu berauschen oder davon abhängig zu sein. Das gilt ebenso für Essen und Trinken im Allgemeinen. Wenn mein Leben nur noch dazu da ist, meine Essgelüste zu befriedigen und ich dabei kein Maß mehr kenne, dann diene ich nicht mehr Gott, sondern meinem Bauch. Der Heilige Geist möchte all diese und noch mehr Dinge in unserem Leben den richtigen Stellenwert geben, ganz persönlich und individuell, und uns dadurch in ein erfülltes Leben leiten und er will uns in die Wahrheit führen, wobei er genau weiß, dass wir Menschen von Natur aus wirkliche Verdrängungskünstler sind. Unangenehme oder schmerzlich Erfahrungen werden ins Unbewusste verschoben und entwickeln dort ein Eigenleben, das uns dann auf so manchem Gebiet kontrolliert, ohne dass wir das anfangs merken. Es scheint dabei beides zu geben: das unbewusste Verdrängen aufgrund innerer Konflikte, und das bewusste Verdrängen, das eher wie eine "Ich will daran nicht mehr denken" Entscheidung anmutet. So werden „in der Welt“ die Themen „Schuld“ und „Tod“ weitgehend solange verdrängt, bis man auf Grund von Krankheit oder Leid gezwungen ist, sich damit zu beschäftigen, wäre das nicht so, würden sich sicherlich alle Menschen, sobald sie klar denken können, zu Jesus bekehren. Aber auch religiöse Menschen verdrängen, vielleicht sogar mehr als andere, das sieht man auch daran, dass sie sich darauf beschränken, Sünden zu bekämpfen und dabei verdrängen, dass Gott unser Herz heilen will.

      Dazu müssen wir unser Herz im Licht des Heiligen Geistes erkennen – immer und immer wieder. Und dieser Blick, wo wir erkennen, wie weit unser Herz vom Herzen Gottes entfernt ist, darf uns nicht ins Verdrängen sondern muss uns in Trauer führen. Solch ein geistliches «Trauern» ist die normale Folge der Erkenntnis, dass ich vor Gott «arm» bin. Das tut weh. Wer sich ansieht und den Blick in den Spiegel aushält, wird trauern, dass er so ist. Das nennt Jesus «Selig bist du! Glücklich zu preisen!» (Matthäus 5:4) Warum? Weil es zeigt, dass man etwas von Gott verstanden hat. Wie viel oberflächliches «Ich bin schon OK» kommt ganz einfach daher, dass man Gott nicht kennt – bzw. die heilige, absolut gerechte Seite Gottes ausblendet. Gott ist heilig, ich nicht. Punkt. Wer sich selbst kennenlernt und sich an Gottes Maßstäben misst, wird daran leiden. Wer die Zerrissenheit der Welt in der Tiefe spürt, wird darunter leiden.

      Paulus, ein sehr edler und anständiger Mensch, litt an diesem Zustand, den er als inneren Konflikt erlebte:

      «Das Gute, das ich tun will, das tue ich nicht; das Böse, das ich nicht tun will, tue ich. Ich elender Mensch!» (Römer 7:19)

      Wenn es ums «Wissen» ginge, wäre die Welt schon lange perfekt. Jede(r) weiss, was gut wäre. Aber wir sind tief widersprüchliche Wesen. «Trauern» bedeutet, dass man diesen Zustand aushält – und damit ein Stück Ja sagt zum Schmerz Gottes über diese Welt. Dieses aus der Erkenntnis unseres Herzenszustands herrührende Trauern ist ein Zustand, der eine bestimmte Zeit braucht. Jesus warnt uns also, nicht zu schnell zur Tagesordnung überzugehen. Marx hatte recht: Religion (nicht lebendiger Glaube) kann Opium fürs Volk sein. Wenn wir zu schnell ein paar Verse der Bibel zusammenschustern, können wir uns damit gut selbst betäuben. Aber das Evangelium ist kein Weichspüler, sondern ein Wachmacher. Nur wer echt trauert, wird auch echt getröstet. Es gibt eine abgekürzte christliche Halleluja-Euphorie, die am Anfang nett ist, aber auf die Dauer auf die Nerven geht. Ganz einfach, weil sie aufgesetzt ist. Weil ihr die Tiefe fehlt. Und weil sie gründliche Heilung verhindert.

      „Und den Bruch der Tochter meines Volkes heilen sie oberflächlich, indem sie sagen: Friede, Friede! - und da ist doch kein Friede.“ (Jeremia 8:11)

      Jesus belässt es nicht bei seiner Aussage: „Selig sind die Trauernden“, sondern schließt den Satz mit einer Verheißung, also einem Versprechen ab: „… denn sie sollen getröstet werden.“ Der Endzustand ist nicht das Trauern als Folge der Erkenntnis unserer Defizite, sondern Getröstet-Sein. Trost ist gefülltes Vakuum, reale Hoffnung: Du sollst nicht so bleiben, wie du bist! Du sollst, kannst und wirst anders werden. Denn hier kommt Jesus ins Spiel. Was du nicht kannst, hat er getan. Er hat für Schuld und Unvollkommenheit bezahlt. Damit reicht Jesus uns die Hand und zieht uns aus dem Sumpf unserer eigenen Zwiespältigkeit und Zerrissenheit. Echte Trauer bringt echte Freude, die mit nichts zu vergleichen ist – Freude über totale, geschenkte Errettung. Völliges Ergreifen der über uns ausgeschütteten Gnade.

      Das gilt für alle Defizite unseres Lebens. Egal was für Ursachen dafür verantwortlich sind. Wenn wir in dieser Haltung vor Gott stehen, trauernd, nicht verdrängend, dann wird er unseren Mangel ausfüllen, denn er ist El Shadday, der Gott in dem alle Fülle wohnt. Ob sich unsere Defizite im Essen oder Trinken, im finanziellen, gesundheitlichen oder auf sexuellem oder sonst einem Gebiet äußern, die Ursachen liegen meist wo ganz anders. Gott kennt sie, denn ihm ist nichts verborgen. Natürlich sollen wir uns um ein verantwortlich vor Gott gelebtes Leben bemühen, aber ohne seine Gnade kann uns das nicht mal im Ansatz gelingen. Gott kennt mich durch und durch. Seine Trauer ist ungleich größer als meine, weil ich mich nur stückweise erkennen kann. Aber trotzdem liebt er mich mit unendlicher Liebe und Güte. Bereits in dieser Erkenntnis fließen Ströme der Heilung.

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