18.Juli 2016 (Der Frust mit der Lust)

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    • 18.Juli 2016 (Der Frust mit der Lust)


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      Der Frust mit der Lust

      Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht auch niemand; sondern jeder einzelne wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt wird. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. (Jakobus 1:13-15)

      Wenn man das hier so liest, könnte man auf den Gedanken kommen, dass jeglicher seelische Antrieb zur Behebung eines inneren Mangels grundsätzlich Sünde sei. Aber steht das hier wirklich? Es gibt ein Verb und das heißt „begehren“, was letztendlich nichts anderes ist, als dass man etwas möchte oder gern hätte oder sich wünscht. Das ist ja nun an und für sich nicht schlecht, denn ohne Wünsche und Träume wäre unser Leben trostlos. So kann man es begehren, eine eigene Familie zu haben oder im Beruf erfolgreich zu sein, oder man kann auch ganz profane Dinge begehren, wie wir in der Bibel lesen können, Stellen, die im allgemeinen nicht zitiert werden:

      „Und gib das Geld für das aus, was irgend dein Herz begehrt, es sei für Rinder, Schafe, Wein, starkes Getränk, oder was sonst deine Seele wünscht, und iss dort vor dem Herrn, deinem Gott, und sei fröhlich, du und dein Haus.“ (5.Mose 14:26)

      „Und es geschah, als Salomo das Haus des Herrn und das Haus des Königs vollendet hatte und alles, was er zu machen begehrte und wozu er Lust hatte, da erschien ihm der Herr zum zweitenmal, wie er ihm in Gibeon erschienen war. Und der Herr sprach zu ihm: »Ich habe dein Gebet und dein Flehen erhört, das du vor mir gebetet hast. Ich habe dieses Haus, das du gebaut hast, geheiligt, um meinen Namen dort wohnen zu lassen ewiglich; und meine Augen und mein Herz sollen allezeit dort sein.“ (1.Könige 9:1-3)

      „Er [der Herr, Gott] gebe dir, was dein Herz begehrt, und lasse alle deine Vorhaben gelingen!“ (Psalm 20:5)

      Wir finden allerdings auch andere Bibelstellen, wo begehren etwas Schlechtes, Negatives ist. Wir brauchen dabei nur an die zehn Gebote denken:

      „Du sollst nicht begehren das Haus deines Nächsten! Du sollst nicht begehren die Frau deines Nächsten, noch seinen Knecht, noch seine Magd, noch sein Rind, noch seinen Esel, noch irgend etwas, das dein Nächster hat!“ (2.Mose 20:17)

      Negatives Begehren ist also etwas besitzen zu wollen, das mir nicht zusteht. Die Substantive zu „begehren“ sind entweder „Begehren“ oder „Begierde“, wobei der zweite Begriff durchwegs negativ besetzt ist, was man auch an dem Wort „Gier“, das darin enthalten ist, erkennen kann. Auch das gilt in allen Lebensbereichen und wir tun gut daran, „Begierde“ nicht ausschließlich auf sexuelle Dinge zu beziehen. Gier und Begierde haben auch immer was mit Egoismus zu tun.

      Diese Begierde trägt jeder in sich, so schreibt es der Apostel „jeder einzelne wird versucht“, da gibt es keine Ausnahme, der eine mehr auf dem Gebiet, der andere eher auf einem anderen. Aber diese Begierde in uns ist noch keine Sünde. Erst wenn wir uns auf diese Begierden einlassen und beginnen, Pläne zu schmieden, wie man sie befriedigen könnte, also an ihrer Verwirklichung arbeiten, wird unser Verhalten sündig. „Wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde“. Vergessen wir nicht, dass das nur für Dinge gilt, die uns nicht zustehen.

      Wie läuft das nun in der Freundschaft und Ehe? Darf man seine Frau sexuell begehren? Oder gar eine Frau ihren Mann? Lesen wir doch nochmal bei der ersten Frau namens Eva, zu der Gott selbst unter anderem gesagt hatte: „und dein Verlangen wird auf deinen Mann gerichtet sein“. Das ist doch eindeutig auf ihre Sexualität bezogen. Ebenso das Verlangen des Mannes, wie wir im Hohelied lesen können:

      „Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen steht nach mir!“ (Hohelied 7:11)

      Hier steht Verlangen und nicht Gier. Wenn wir das ganze Hohelied lesen, werden wir schnell feststellen, dass diese ganze Liebesgeschichte frei von jeglicher Gier aber voller sehnsüchtigem Verlangen ist, von beiden Seiten, eingebettet in eine unendliche Zärtlichkeit aus Berührungen und Worten. Hier geht’s nicht um das „Ich will dich“ sondern um das „ich will mit dir“. Es entspringt also einer völlig anderen Herzenshaltung und ich möchte es mal ganz krass für all die frommen „Herrscher“ über ihre „untergeordneten“ Frauen ausdrücken: Wenn ich mit meiner Frau schlafe, um mich dadurch zu befriedigen, dann ist das kein Begehren, sondern Gier und dann ist das meiner Ansicht nach auch innerhalb der Ehe eine Sünde, denn das ist in meinen und sicherlich auch in Gottes Augen nichts anderes als Missbrauch. Seiner Frau zu befehlen, die Beine breit zu machen um sie als Spermadepot zu benutzen pervertiert die Liebe Gottes, die er in den Schöpfungsakt von Mann und Frau gelegt hat und man braucht sich dann nicht wundern, wenn für diese Frauen die Lust zur Last oder zum Frust wird.

      Wirklich liebend gelebte Sexualität zwischen Mann und Frau fängt niemals erst beim Verkehr im Bett an, sondern sollte den ganzen Tag begleiten, in Blicken, Worten, Gesten, Berührungen, Küssen etc. Wir müssen den Geschlechtsverkehr von seinem alles andere dominierenden Sockel stoßen. Zärtlichkeit kann zwar dahin führen, muss es aber nicht, sie kann sich genau so gut an gegenseitiger Nähe und Vertrautheit erfreuen, am gegenseitigen Streicheln und an liebevollen wertschätzenden Worten, wobei es vollkommen egal ist, was wo oder wie gestreichelt, geküsst oder liebkost wird, wenn zwei liebende Partner sich dem jeweils Andern vollkommen hingeben können, kann es da eigentlich keine moralischen Tabus geben, denn keiner würde vom Partner irgendwas erwarten oder gar verlangen, was demjenigen widerstrebt.


      Was gibt es denn viel schlimmeres für die Seele eines Menschen, als wenn er innerhalb seiner Liebesbeziehung nicht begehrt wird? Gehört das nicht auch in die Rubrik „einer achten den Andern höher als sich selbst“?

      „Siehe, du bist schön, meine Freundin, siehe, du bist schön; deine Augen sind [wie] Tauben hinter deinem Schleier; dein Haar gleicht der Ziegenherde, die vom Bergland Gilead herabwallt. Deine Zähne gleichen einer Herde frischgeschorener Schafe, die von der Schwemme kommen, die allesamt Zwillinge tragen, und von denen keines unfruchtbar ist. Deine Lippen sind wie eine Karmesinschnur, und dein Mund ist lieblich; wie Granatäpfelhälften sind deine Schläfen hinter deinem Schleier. Dein Hals gleicht dem Turm Davids, zum Arsenal erbaut, mit tausend Schildern behängt, allen Schilden der Helden. Deine beiden Brüste gleichen jungen Gazellen, Gazellenzwillingen, die zwischen den Lilien weiden.“ (Hohelied 4:1-5)

      So schön diese Liebesbezeugung des Bräutigams hier ist, es wäre sicherlich nicht der richtige Weg, dies seiner Frau jeden Abend vorzulesen. Aber wir können das doch auch mit unseren Worten ausdrücken und mit unseren Gedanken dazu die Schönheit ihrer Augen, ihrer Haare etc. beschreiben und vielleicht sollte da wirklich der eine oder andere lernen, über seinen pseudochristlich-moralischen Schatten zu springen und wirklich keine Körperteile bei diesem Liebeslied auslassen und so seine Frau mit Worten und Taten zu beglücken, wenn wir Christen nicht endlich damit anfangen, wer denn dann? Mancher "Bibelkundige" wird mich jetzt auf 1.Johannes 3:18 hinweisen, wo geschrieben steht:

      "Meine Kinder, laßt uns nicht mit Worten lieben noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit!"

      Wenn wir den Kontext in diese Aussage miteinbeziehen, wird klar, dass Johannes hier keinen Leitfaden für sexuelle Praktiken oder Bettgeflüster geben wollte, sondern ganz allgemein feststellt, dass Worte bedeutungslos sind, wenn ihnen keine Taten folgen. Die Welt kennt nur Geilheit, Gier und Befriedigung. Die Welt kennt diese reine und selbstlose Liebe nicht, die in unser Herz ausgegossen ist und der selbst auch all das rein ist, was die Religiösen als schmutzig oder unrein bezeichnen.


      „Was Gott gereinigt hat, das halte du nicht für gemein!“ (Apostelgeschichte 10:15b)

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