26.Februar 2016 (Lastenträger 3)

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    • 26.Februar 2016 (Lastenträger 3)

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      Lastenträger (III)

      Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen! Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. Jeder aber prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er für sich selbst den Ruhm haben und nicht für einen anderen; denn jeder einzelne wird seine eigene Bürde zu tragen haben. Wer im Wort unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern! Irrt euch nicht: Gott lässt sich nicht spotten! Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Denn wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ermatten. So laßt uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens. (Galater 6:2-10)

      Im September/Oktober 1938 schrieb der 32-jährige Pastor Dietrich Bonhoeffer - zwei Jahre nachdem ihm das NS-Regime die Lehrbefähigung an der Universität Berlin entzogen hatte, ein Jahr nachdem die Gestapo die Theologengruppe um Bonhoeffer in Finkenwalde auflöste und der fünf Jahre später im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde: - in seinem Buch "Gemeinsames Leben" :

      Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. So wie Jesus gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde (Seite 9)... Es wird leicht vergessen, dass die christliche Gemeinschaft ein Gnadengeschenk aus dem Reiche Gottes ist, das uns täglich genommen werden kann, dass es nur eine kurze Zeit sein mag, die uns noch von der tiefsten Einsamkeit trennt (Seite 12).

      Christliche Gemeinschaft als Teil der Braut Jesu bedeutet also Gemeinschaft durch Jesus Christus und in Jesus Christus.

      Das heißt erstens, dass ein Christ den andern braucht um Jesu Christi willen. Der Christus im eigenen Herzen wird aufgrund dessen, dass unser Herz „ein trügerisch Ding“ ist, in manchen Lebensphasen nicht so stark wahrgenommen wie der Christus im Wort und Zeugnis unserer Geschwister. Damit ist zugleich das Ziel aller schriftgemäßen Gemeinschaft der Christen deutlich: sie begegnen einander als Bringer der Heilsbotschaft in Wort und Tat, sie sollen die Erfüllung des Gesetzes der Liebe leben und demonstrieren.

      Dass heißt zweitens, dass Christus die einzig unverrückbare Grundlage unserer Beziehung als Christen untereinander sein muss. Einzig und allein diese Grundlage befähigt uns miteinander in Frieden zu leben, einander zu lieben und zu dienen und „eins“ zu werden. Nur in Jesus Christus sind wir eins, nur durch ihn sind wir miteinander verbunden. Sympathien und menschliche Zuneigungen können kommen und gehen, aber Jesus hat Bestand in Ewigkeit, er ist der einzige Mittler zwischen Gott und uns, aber auch der einzige Stifter dauerhafter liebender Beziehungen.

      Dass heißt drittens, dass wir in Jesus Christus von Ewigkeit her erwählt, in der Zeit angenommen und für die Ewigkeit vereinigt sind. Wir haben einander nur durch Christus, aber durch Christus haben wir einander auch wirklich, haben wir uns ganz für alle Ewigkeit. Jesus Christus ist die verbindende Mitte und der gemeinsame Nenner allen Unterschieden zum Trotz!

      Christliche Gemeinschaft ist nicht ein Ideal oder eine Beziehungsform, die wir zu verwirklichen hätten, sondern es ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen. Was uns als Christen miteinander verbindet ist nicht ein gemeinsames Hobby, oder dass wir uns alle auf Anhieb so sympathisch finden, sondern der gekreuzigte und auferstandene Herr. Deshalb dürfen wir uns als christliche Gemeinschaft auch nicht überfordern und Erwartungen an uns stellen, die wir z.B. an eine jahrzehntelange Schulfreundschaft oder an einen Ehepartner stellen. Unsere Gemeinschaft ist einzig und allein durch Christus und unseren gemeinsamen Glauben an Christus begründet und allein durch Christus lebensfähig. Sobald wir als Christen unser Miteinander und unsere Beziehung auf ein anderes Fundament als auf Jesus aufbauen, oder dem Fundament Jesus andere Dinge als wesentlich beimischen, hören wir im biblischen Sinne auf eine christliche Gemeinschaft zu sein. Unser Miteinander ist allein durch Jesus begründet und auch nur durch Jesus lebensfähig.

      „Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein“ (Bonhoeffer, Seite 65). Viele suchen die Gemeinschaft aus Furcht vor der Einsamkeit. Auch Christen, die nicht allein mit sich fertig werden können, die mit sich selbst schlechte Erfahrungen gemacht haben, hoffen in der Gemeinschaft anderer Menschen Hilfe zu erfahren. Meist werden sie enttäuscht und machen dann der Gemeinschaft zum Vorwurf, was ihre eigenste Schuld ist. Wer auf der Flucht vor sich selbst bei der Gemeinschaft einkehrt, der missbraucht sie und sucht in Wahrheit nicht die Gemeinschaft, sondern den Rausch, der die Vereinsamung für kurze Zeit vergessen lässt und gerade dadurch die Voraussetzung für noch stärkere und tiefere Vereinsamung des Menschen schafft. Wer Gemeinschaft will ohne Alleinsein, der stürzt in die Leere der Worte und Gefühle, wer - auf der anderen Seite - Alleinsein sucht ohne Gemeinschaft, der steuert massiv einem Abgrund der Eitelkeit, des Narzismus und der Verzweiflung entgegen.

      Wir dürfen die christliche Gemeinschaft weder als Ersatz für fehlende Selbstannahme missbrauchen, noch kann und darf die Gemeinde Ersatz für einen fehlenden Lebenspartner sein. Wer seine Einsamkeit - wodurch auch immer bedingt - durch die Gemeinde überwinden will, überfordert sie einerseits heillos und wird zum anderen immer enttäuscht werden, denn ich bin nur in dem Maße gemeinschafts- und beziehungsfähig, wie ich mich selbst in meiner von Gott gegebenen ursprünglichen Persönlichkeit angenommen habe und auch alleine vor Gott stehen kann. Zugleich brauche ich als Christ aber auch meinen Mitchristen, damit ich meine Einsamkeit aushalten und ertragen kann. Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. Jesus Christus ist unser gemeinsamer Nenner. Er ermöglicht unser Miteinander als Christen, die wir völlig unterschiedlich sind und bleiben.

      "Einer trage die Last des anderen", heißt deshalb also auch: Ertragt einander, eure Charaktereigenschaften, eure Schwächen und Stärken, eure Eigenarten und Unarten. Nehmt also einander so an, wie Christus euch angenommen hat! Er hat uns ohne wenn und aber angenommen, so wie wir nun einmal sind. Er liebt uns so, wie wie wir sind, mit unseren tausend Schwächen und Fehlern. Und er trägt uns, hält uns aus, erträgt uns so manches Mal und trägt uns sicher durch dieses Leben. Genauso will auch die Liebe Christi uns dahin führen einander zu tragen und auch zu ertragen. Der Choleriker den Phlegmatiker und umgekehrt. Der Gefühlsbetonte den nüchtern denkenden Menschen und umgekehrt. Der Schnelle den Langsamen, der Spontane den Nachdenklichen und umgekehrt. Auch der Kranke den Gesunden und der Arme den Reichen und umgekehrt. Die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortsetzen.

      "Einer trage die Last des anderen", bedeutet aber auch: distanziert euch niemals, wenn ihr nicht mehr miteinander klar kommt, sondern geht aufeinander zu und sucht das gemeinsame Gespräch. Lernt euch gegenseitig zu akzeptieren. Sprecht über eure Schwierigkeiten im Umgang miteinander. Haltet keinen faulen Frieden miteinander. Aber lasst auch einander stehen in eurer Unterschiedlichkeit, lernt euch lieben und schätzen. Wir können auch beziehungstechnisch nur Überwinder sein, weil Jesus, der Überwinder in uns lebt und Grundlage, Mittelpunkt und Dreh- und Angelpunkt unserer Beziehungen ist.

      Wie wir dann in den Versen 3-10 sehen, geht es Paulus auch hier um die Frage, wer hat eigentlich in unserem Leben und im Leben der Gemeinde/Gemeinschaft das Sagen? Wenn das Fleisch, das ICH regiert, herrscht Hochmut, Angeberei, Geiz, Besserwisserei und der Schwache und Bedürftige wird links liegen gelassen. An unserem Fleisch - an unserem Egoismus - zerbricht jede Gemeinschaft! Wenn aber der Geist regiert, wenn das Evangelium nicht nur theologische Theorie, sondern ein lebendiges Bekenntnis durch unser Leben und unser Miteinander ist, dann werden wir zu einer gegenseitig tragenden und ertragenden Gemeinschaft, die das Gesetz Christi nicht nur kennt, sondern auch lebt. Dann wird sich keiner mehr einbilden, besser als der andere zu sein. Dann braucht sich auch keiner mehr über den anderen erheben. Dann müssen wir uns nicht mehr miteinander vergleichen. Dann tragen wir einander mit unseren Sündenlasten wie Christus unsere Last getragen hat, weil jeder von uns aus der Gnade Gottes lebt und nichts weiter als ein begnadigter Sünder ist und bleibt, der seinem Herrn und Heiland Jesus Christus alles verdankt!

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