25.Februar 2016 (Lastenträger 2)

    • 25.Februar 2016 (Lastenträger 2)

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      Lastenträger (2)


      Brüder, wenn auch ein Mensch von einer Übertretung [Fehltritt, Sünde] übereilt würde, so helft ihr, die ihr geistlich seid, einem solchen im Geist der Sanftmut wieder zurecht; und gib dabei acht auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst! Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen! (Galater 6:1+2)

      Wie wir feststellen konnten, redet Paulus hier nicht von den Babychristen, sondern von denen, die bereits aufrecht gehen können, also einen gewissen Grundstock an Lehre haben und die das Erlernte auch praktizieren oder es zumindest versuchen. Er redet hier auch nicht von den täglichen Hilfestellungen und Handreichungen untereinander, denn die wurden in der damaligen griechisch-humanistisch geprägten Heidenwelt sowieso gelehrt und praktiziert. "Einer trage des anderen Last" - damit ist also mehr gemeint, als der älteren Dame die Einkaufstasche zu tragen, jemanden zu helfen, sein Auto anzuschieben oder seinen Sitzplatz im Bus einem älteren Menschen anzubieten. Damit ist auch mehr gemeint, als einem Hungernden Essen zu geben, einen Frierenden zu wärmen oder einem Kranken zu helfen. Dass das heutzutage eher belächelt als praktiziert wird, wusste Paulus auch, wie er z.B. an Timotheus schrieb (2.Timotheus 3:1-9) und auch Jesus sagte das voraus:

      „Und es werden viele falsche Propheten auftreten und werden viele verführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe in vielen erkalten.“ (Matthäus 24:11+12)

      Wir werden diesen Satz am Ende unserer Betrachtungen über den Galaterbrief nochmals genauer anschauen, aber hier in Galater 6:1+2 legt Paulus den Schwerpunkt auf den geistlichen Bereich, nämlich ihr Verhalten denen gegenüber, die in Sünde gefallen sind. "Einer trage des anderen Last" ist also umfassend zu verstehen. Es geht um alle Lasten, die der Andere zu tragen hat, auch und vor allem um seine "Altlasten" um die Lasten, die durch seine Schuld und Sünde entstanden sind und durch die Sünde immer wieder entstehen.

      Paulus ermahnt uns in unserem Text dazu, uns nicht von den sündigenden Mitchristen abzusetzen und zu distanzieren, sondern ihnen in Sanftmut wieder aufzuhelfen, ihre Sündenlast mitzutragen und sie selbst so zu tragen und in ihrem Versagen auch zu ertragen. Dies bedeutet nach Paulus also zuerst einmal: "Einer sei des anderen Seelsorger". Darum geht es hier in erster Linie. Dass wir demjenigen, der eine für alle offenbare Schuld auf sich geladen hat, nicht einfach die kalte Schulter zeigen, ihn womöglich aus unserer Gemeinschaft verbannen, die Arme verschränken und denken: Wie kann man nur? Und der will Christ sein? Sondern dass wir uns im Gegensatz dazu, zu unserem Mitchristen aufmachen und ihn in Sanftmut und Liebe, in unendlicher Geduld wieder zurechthelfen.


      Es geht also darum, dass wir die sündigenden Brüder oder Schwestern nicht fallen lassen, sondern ertragen lernen, weil wir ja keinen Deut besser sind, sondern genauso von der Gnade und Barmherzigkeit unseres Gottes abhängig sind. Jeder gibt aber auch dem Anderen zu tragen auf und hat es bitter nötig, dass andere ihn tragen und nicht selten auch ertragen und durchtragen. Die Gemeinde Jesu ist eine Gemeinschaft gegenseitigen Tragens. Heute braucht mich mein Mitchrist und morgen vielleicht schon werde ich ihn brauchen!

      Paulus nimmt damit aller Selbstgerechtigkeit und allem frommen Pharisäertum den Wind aus den Segeln. Wer das Gesetz Christi erfüllen will, wer ein Geisterfüllter sein will, der kann keinen Mitchristen abschieben und aufgeben, der kann sich nicht über einen, der schuldig geworden ist, still ins Fäustchen lachen und denken: Was bin ich doch für ein guter Christ. Mit Sicherheit fordert uns Paulus hier nicht auf Schuld und Sünde zu tolerieren, denn Sünde trennt nicht nur von Gott, sondern zerstört auch die Gemeinschaft untereinander. Wo Sünde nicht ausgeräumt, sondern verdrängt und unter den Teppich des Vergessens gekehrt wird, da gehen Christen kaputt und Gemeinden sterben!

      Es geht also nicht um Duldung und Toleranz beim Ertragen des sündigenden Mitchristen, sondern um wirkliche Hilfe, um Seelsorge, um ein Zurechthelfen im Geist und in der Liebe Christi. Es geht um gelebte Barmherzigkeit. Die Gemeinde ist und bleibt Gottes Streitmacht aus Fleisch und Blut, eine Armee und wo gekämpft wird, geht es ohne Verletzungen (Folge von Sünden) nicht ab. Deshalb hat auch jede Arme ein Lazarett, in dem die Verletzten gesund gepflegt werden. Wenn allerdings die Armee überwiegend aus Verletzten besteht, muss etwas gründlich schiefgelaufen sein. Meistens wird in diesen Gemeinden dieses „Tragen“ falsch interpretiert oder ignoriert.

      "Einer trage des anderen Last" zeigt sich also hauptsächlich darin, dass ich meinen Mitchristen, der schuldig geworden ist, vielleicht auch an mir schuldig geworden ist, nicht in seiner Schuld allein lasse, sondern mich auf den Weg zu ihm hin begebe und sein Seelsorger und/oder Begleiter durch diese Zeit werde, wenn er das zulässt. Wir tragen miteinander an den Sündenlasten wie Christus unsere Last getragen hat, aber auch wenn es vom Zusammenhang dieses Textes in erster Linie um die Sündenlast des anderen geht, die wir mitzutragen und zu ertragen haben, wenn wir das Gesetz Christi erfüllen wollen, so dürfen und müssen wir dieses Wort aber trotzdem weiter fassen:

      Nicht nur die Schuld meines Mitchristen habe ich mitzutragen, sondern auch seine Macken und Schwächen, seinen Charakter und seine Art, IHN, wie er ist und redet und wirkt, lebt und fühlt, IHN, so wie er ist und nicht, wie ich ihn gerne haben würde! - "Einer trage die Last des anderen", das bedeutet tatsächlich auch, dass wir den anderen als Mensch und Mitchristen so annehmen, wie er ist. Und manchmal können uns andere schon auf die Nerven fallen und zur Last werden. Das entbindet uns aber nicht von dem Gesetz Christi, den anderen zu lieben wie er ist und nicht wie wir ihn gerne hätten. Außerdem, werden wir selbst ja auch so manches Mal dem anderen auf die Nerven gehen und ihm zur Last werden.


      Als Christen haben wir einander zu tragen und auch zu ertragen. Auch unsere Veranlagungen und Charaktereigenschaften. Aber niemals im Sinne von Abgrenzung und Absonderung. Man kann einander nur tragen und ertragen, wenn man auch miteinander spricht, wenn man sich auch vor Auseinandersetzungen nicht scheut. Genauso wie ich unter der Last des Anderen manchmal zu leiden habe, so wird er ja auch selbst oftmals unter seiner eigenen Art und seinem Charakter leiden und nicht zuletzt auch unter meiner seltsamen Art und meinem komischen Benehmen. Wir sind eben nun mal alle unterschiedlich, aber diese Unterschiede sollen nicht trennen sondern ein sichtbares Zeichen der Vielfalt Gottes sein. In dieser Hinsicht gleicht kein Ei gleicht dem anderen. Kein Christ gleicht dem nächsten, weder im Denken, noch im Reden, weder im Fühlen noch im Handeln. Auch hier werden in den Gemeinden schlimme Fehler begangen, in dem man in völliger Fehlinterpretation der Aussage des Paulus „wir sollen alle dieselbe Gesinnung haben“ die Schäflein ihrer Persönlichkeit beraubt und zu Marionetten eines frommen Systems macht. So werden dann aus „lebendigen Steinen“ ISO-zertifizierte Ziegelsteine, wo jeder jeden bequem ersetzen kann. Dieser durchaus praktischen aber fleischlichen Gesinnung können wir bei uns ganz gezielt entgegen wirken, wenn wir permanent die genialen Gedanken des Paulus über den Leib und die Glieder vor Augen haben:

      „Denn gleichwie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des einen Leibes aber, obwohl es viele sind, als Leib eins sind, so auch der Christus. Denn wir sind ja alle durch einen Geist in einen Leib hinein getauft worden, ob wir Juden sind oder Griechen, Knechte oder Freie, und wir sind alle getränkt worden zu einem Geist. Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib! - gehört er deswegen etwa nicht zum Leib? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum gehöre ich nicht zum Leib! - gehört es deswegen etwa nicht zum Leib? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Ohr wäre, wo bliebe der Geruchssinn? Nun aber hat Gott die Glieder, jedes einzelne von ihnen, so im Leib eingefügt, wie er gewollt hat. Wenn aber alles ein Glied wäre, wo bliebe der Leib? Nun aber gibt es zwar viele Glieder, doch nur einen Leib. Und das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht! oder das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht! Vielmehr sind gerade die scheinbar schwächeren Glieder des Leibes notwendig, und die [Glieder] am Leib, die wir für weniger ehrbar halten, umgeben wir mit desto größerer Ehre, und unsere weniger anständigen erhalten um so größere Anständigkeit; denn unsere anständigen brauchen es nicht. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringeren Glied um so größere Ehre gab, damit es keinen Zwiespalt im Leib gebe, sondern die Glieder gleichermaßen füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid [der] Leib des Christus, und jeder ist ein Glied [daran] nach seinem Teil.“ (1.Korinther 12:12-27)

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