24.Februar 2016 (Lastenträger 1)

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    • 24.Februar 2016 (Lastenträger 1)

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      Lastenträger (1)

      Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen! (Galater 6:2)

      Als ob wir an unseren eigenen Lasten nicht schon genug zu tragen hätten, höre ich jetzt in Gedanken einige stöhnen, ich bin froh, wenn ich selbst einigermaßen über die Runden komme und soll auch noch anderen helfen? Wie soll das gehen? Überfordert uns da Paulus nicht hoffnungslos? - Ich denke, auch diese Aussage müssen wir differenzieren.

      Denken wir mal an die kleinste Form von Gemeinschaft zurück, an die Zelle der Gesellschaft, die Familie. Wie läuft da die Sache mit dem Tragen im Normal-, heutzutage eher Ideal-Fall ab? Das Baby ist da und plötzlich wird alles anders. Alles scheint sich fast ausschließlich um den neuen Erdenbürger zu drehen, wie könnte es auch anders sein, das Baby atmet und trinkt an der Mutterbrust viel mehr außer schlafen und schreien hat es nicht zu tun. In der ersten Zeit seines menschlichen Daseins wird es getragen, gepflegt, umsorgt und rundum geliebt. Nur so sind die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung gegeben. Aber wenn das ein Leben lang so weitergeht, dann hat eine wirkliche Entwicklung nicht stattgefunden. Oder anders ausgedrückt: So oder so bleibt dieser hohe Komfort nicht für immer erhalten. Es ist für die Entwicklung des menschlichen Lebens wichtig, dass die Zeit kommt, in der das Kind auf die eigenen Beine zu stehen kommt. Das Krabbelalter muss irgendwann zu Ende gehn.

      Auch in dieser Entwicklungsphase wurde den meisten von und liebevoll geholfen. Wir wurden gefordert und gefördert. Es ging nicht ohne Hinfallen und Aufstehen, nicht ohne die eine oder andere Träne ab, die uns Mutter oder Vater abwischte. Aber wir wurden nicht mehr nur getragen. Wir lernten den aufrechten Gang, lernten mit allen Wackelkünsten, allmählich das Gleichgewicht beim Stehen und Gehen zu halten. Ein weiteres habe ich im Laufe meines kindlichen und jugendlichen Lebens gelernt: Es dreht sich nicht alles nur um mich!

      Da sind Vater, Mutter, Geschwister, Verwandte, Nachbarn, Freunde, später dann Lehrer, Weisungsbefugte, Lehrmeister, Vorgesetzte und viele andere Menschen und Persönlichkeiten um mich herum. Am Beginn meines Lebens habe ich geschrien – Mutter hat meine Bedürfnisse gestillt. Ich wurde rundum versorgt und war zufrieden. Diese Zeit ist nun schon lange vorbei – und ich sehne sie nicht zurück. Aber ich entdecke jedoch im Leben mancher Menschen genau diesen Zug, dass alle Bedürfnisse bzw. Erwartungen uneingeschränkt und sofort erfüllt werden müssen. Sonst gibt es Stress. Eigentlich ein unreifes, säuglingsgemäßes Verhalten.

      In einer Kirche, Gemeinde, Hauskreis etc. ist es eigentlich kein Haar anders. Sie ist eine Familie und kein Club oder Verein. Das Verbindende sind nicht dieselben Hobbies, wie bei den Kleingärtnern oder Kaninchenzüchtern, sondern dieselbe Wurzel und die heißt Jesus Christus. Ohne die Vergebung der Lebensschuld und das Geschenk der Gnade Gottes, das Geschenk des göttlichen Lebens, Gottes eigener Lebensqualität, können wir zwar eine Gemeinde besuchen so wie Freunde eine Familie besuchen, ohne aber wirklich ein Teil dieser Familie zu sein.

      So sind wir als bekehrte Individuen, als neu geborene Kinder Gottes, in die Gemeinde, die Familie Gottes gekommen. Hier ist unser Lebens- und Übungsfeld. Hier empfangen wir Gottes Wort, die Nahrung für unseren inneren Menschen. Hier erfahren wir, was es heißt, dass ehemals fremde Menschen uns zu Brüdern und Schwestern geworden sind. Das zu entdecken ist aufregend schön. Und auch spannend, denn nicht jede/r ist uns sofort und gleich und immer sympathisch. Also mir ging´s und geht´s auf jeden Fall so.

      Ich rede hier jetzt nicht unbedingt von der klassischen Gemeinde, sondern von Gemeinschaft im allgemeinen, das kann – wie gesagt – auch ein gläubiger Freundeskreis, Hauskreis, Frauenfrühstück etc. sein, aber eins ist mir absolut klar: Wir brauchen Menschen um uns herum, die zur selben Familie gehören, der Familie Gottes, also Menschen, die in Jesus verwurzelt sind; als frisch bekehrte Säuglinge haben wir isoliert von ihnen glaubenstechnisch kaum eine Überlebenschance und können uns auch geistlich nicht gesund entwickeln.

      Keiner würde auf die Idee kommen, einem Baby Verantwortung für seine Familie aufzudrücken, keiner würde ihm zumuten, der Mutter beim Bügeln und Wäschewaschen zur Hand zu gehen oder den Vater aktiv bei der finanziellen und immateriellen Fürsorge für die Familie zu unterstützen. Ein Baby trägt keine Last des anderen, denn das kann es gar nicht, dafür sind in dieser Lebensphase die Voraussetzungen nicht gegeben. Ein Baby konsumiert Liebe, Zuwendung und Fürsorge in jeder erdenklichen Form und badet in der Liebe der Eltern und Geschwister. Das ist im geistlichen Bereich nicht anders.

      Wenn Paulus schreibt, dass einer des andern Last tragen soll, dann spricht er also nicht zu Babychristen, sondern in erster Linie zu gestanden geistlichen Vätern und Müttern, denn Paulus erkannte wie kein anderer die Zusammenhänge zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt, zwischen natürlichen und geistlichen Dingen. Er deutete den Bund der Ehe (bei Gläubigen) als Bild auf Christus und die Gemeinde (Epheser 5:32). Er selbst sah sich innerhalb dieser Familie als geistlicher Vater. Im 1.Brief an die Korinther spricht Paulus davon, dass er die Gemeinde in Korinth „durch das Evangelium“ „gezeugt“ habe (1.Korinther 4:15). Aufgrund der Tatsache, dass er die Gemeinde „gezeugt“, also gegründet hat, ragt er unter weiteren in Korinth agierenden Missionaren hervor. Daraus leitet er wiederum den Anspruch auf eine besondere Autoritäts- und Vorbildfunktion für die Gemeinde ab (1.Korinther 4:16). Er kann die Gemeindeglieder „wie seine geliebten Kinder“ ermahnen und erwarten, dass diese seine „Nachahmer“ werden. Aber er sah sich auch als geistliche Mutter (1.Thessalonicher 2:7+8):

      „Obwohl wir als Apostel des Messias mit Autorität hätten auftreten können, sind wir behutsam mit euch umgegangen wie eine Mutter, die liebevoll für ihre Kleinen sorgt. Wir hatten euch so sehr ins Herz geschlossen, dass wir bereit waren, euch nicht nur die gute Botschaft von Gott weiterzugeben, sondern unser eigenes Leben mit euch zu teilen“ (NEÜ)

      Niemals würden gute Eltern ihr Baby überfordern, keiner würde erwarten, dass es mit 6 Monaten trocken ist, nach einem Jahr sprechen kann oder mit drei Jahren zumindest das kleine Einmaleins beherrscht. Wenn das Baby schreit und die Mutter schnell zu ihm rennt, käme keiner auf die Idee zu sagen: Ach, was habt ihr doch für ein egoistisches Kind. Wieso machen wir es dann im christlichen Bereich?

      Ein Baby darf und soll egoistisch sein und die Liebe der Eltern und Geschwister aufsaugen wie ein Schwamm, es soll Fürsorge konsumieren, das ist doch bei einem Babychrist nicht anders. Und wie bei den Säuglingen ist es auch bei den Babychristen, den frisch Wiedergeborenen, sie sind keine Universalwesen sondern individuelle Persönlichkeiten. Der eine ist schneller trocken, der andere krabbelt dafür früher, die Milchzähne wachsen nicht exakt zum selben Zeitpunkt, der eine spricht früher, der andere eben etwas später, wer gibt uns das Recht dazu, im Rahmen einer gesunden Entwicklung gemeindeindividuelle Messlatten an diese neuen Familienmitglieder zu legen?

      Paulus wusste das und deshalb denke ich, dass er diesen Satz: „Einer trage des anderen Last“ in erster Linie den mündigen Söhnen und Töchtern Gottes, den geistlichen Vätern und Müttern sagt. Er schrieb das nicht nur, sondern hat das den Gemeinden auch vorgelebt:

      „Ihr erinnert euch doch noch an unsere Mühe und Anstrengung, liebe Geschwister, dass wir – als wir euch die gute Botschaft Gottes predigten – Tag und Nacht gearbeitet haben, um niemand von euch zur Last zu fallen.“ (1.Thessalonicher 2:9 NEÜ)

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