18.Februar 2016 (Der Psycho-Christ 1)

    • 18.Februar 2016 (Der Psycho-Christ 1)

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      Der Psycho-Christ (1)


      Er [Jesus] sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten. (Lukas 9:23+24)

      Ich hab auf dem Herzen, an dieser Stelle auch die andere Seite der Medaille ein wenig zu beleuchten, also die andere Seite, durch die wir vom Pferd fallen können. Wir sprachen gestern von denen, die ihr „Ich“, also ihre Persönlichkeit als „Fleisch“ definieren und bekämpfen und die so vor lauter „sterben“ vergessen haben, dass sie zur Ehre Gottes „leben“ sollen. Heute solls um diejenigen gehen, die den „alten Menschen“ zu kultivieren versuchen, und das betrifft zunehmend mehr Christen in unseren Gemeinden und Kirchen.

      Die modernen Prediger in der evangelikalen Szene predigen überwiegend ein Evangelium, das seinen Ursprung in der Verflechtung von Psychologie und Jüngerschaft hat, als Urheber könnte man den amerikanische Psychologe deutscher Herkunft Erich Fromm sehen. Sein Hauptwerk heißt „Die Kunst des Liebens“ (The Art of Loving). Fromm war ein Schüler Sigmund Freuds und wurde später der Wortführer der „Neo-Psychoanalyse“. Fromm formulierte in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ als einer der ersten die Theorie, dass ein Mensch zuerst sich selbst lieben muss, um andere lieben zu können.

      Eine Kostprobe aus Fromms Gedanken: „Die heutige Kultur ist von einem Tabu verseucht: das Tabu, egoistisch zu sein. Uns wird beigebracht, dass es Sünde ist, sich selbst zu lieben, und eine Tugend, wenn wir andere lieben.“ Vielleicht ist es noch erwähnenswert, welches Gottesbild bei Erich Fromm vorlag. Er sah den Gott der Bibel als einen grausamen Diktator , der u.a. Kain dazu trieb, Abel zu ermorden. Ich denke, ich brauch das nicht weiter kommentieren.

      Es dauerte nicht lange, bis die Gedanken von der Selbstannahme und Selbstliebe auch im christlichen Gewand erschienen. In den Staaten hat der berühmte Fernsehprediger Robert Schuller eine gewisse Vorreiterrolle gespielt. Sein Buch „Self-Esteem, the New Reformation“ hat wirklich eine gewisse Reformation ausgelöst, nur leider keine positive. Ich zitiere Bob Schuller: „Gott möchte, dass wir alle gut über uns denken. Wiedergeboren zu werden bedeutet, dass wir von einem negativen Bild über uns selber zu einem positiven verändert werden..... Luther und Calvin haben sich in ihrer Theologie geirrt, indem sie Gott und nicht den Menschen zum Zentrum ihrer Theologie gemacht haben....“

      In Deutschland erschien bereits 1975 ein kleines Büchlein von Walter Trobisch mit dem vielsagenden Titel „Liebe dich selbst“, das auch in Deutschland Fullers Bewegung auf die Sprünge geholfen hat. Das Buch beginnt mit einem Zitat aus Hermann Hesse´s destruktivem Buch „Steppenwolf“ und entfaltet dann völlig unverblümt die Selbstliebe-Ideologie des Erich Fromm. Im zweiten Kapitel schreibt Trobisch über die Quelle seiner Ansichten: „Die Bibel nimmt die Erkenntnis der Tiefenpsychologie vorweg, dass es keine Nächstenliebe ohne Selbstliebe gibt.“

      Wir merken hier, wie Trobisch offenbar die Bibel durch die tiefenpsychologischen Brille von Freud und Fromm gelesen hat und dadurch dann in Deutschland eine Entwicklung eingeleitet hat, deren Ergebnis wir folgendermaßen zusammenfassen können: Nach diesen angeblich modernen Erkenntnissen ist es nicht mehr das Hauptproblem des Menschen, dass er Gott nicht verherrlicht, sondern, dass er sich selbst nicht achtet und sich selbst nicht liebt. Darum haben wir heute weitgehend ein Evangelium der Selbstsucht, das uns solange mit Selbstbestätigung überschüttet und psycho-therapeutisch aufbläht, bis wir in der Selbstanbetung enden.

      Diese falsche Lehre baut auf der Aussage Jesu auf, dass wir den Nächsten lieben sollen, wie uns selbst (Matthäus 22:39), aber wir sollten uns fragen, ob Jesus uns wirklich gebietet, uns selbst zu lieben. Nüchtern betrachtet stellt dieser Satz keinen Befehl zur Selbstliebe dar, sondern einen Vergleich, zweitens ist hier von Agape die Rede und das ist die Liebe Gottes, drittens sagt Jesus, an diesen zwei Geboten (Gott und den Nächsten zu lieben) hänge das ganze Gesetz, nicht an der Selbstliebe, und viertens ist diese menschliche Art der Selbstliebe etwas, was dem Evangelium entgegensteht, wie Paulus schreibt:

      „Das aber sollst du wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten eintreten werden. Denn die Menschen werden sich selbst lieben, geldgierig sein, prahlerisch, überheblich, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, unbeherrscht, gewalttätig, dem Guten feind, Verräter, leichtsinnig, aufgeblasen; sie lieben das Vergnügen mehr als Gott; dabei haben sie den äußeren Schein von Gottesfurcht, deren Kraft aber verleugnen sie.“ (2.Timotheus 3:1-5)

      Fromm und Trobisch behaupten, dass bei keinem Menschen die Selbstliebe angeboren sei, sondern dass sie erst im Laufe des Lebens erlernt werden müsse. Um diese Sicht zu belegen, zitiert Trobisch z.B. den Psychotherapeut Dr. Guido Groeger: „Es scheint die Anschauung vorzuherrschen, als sei es selbstverständlich, dass jeder Mensch sich selbst liebt und es lediglich darauf ankomme, ihn ständig dazu anzuhalten, andere zu lieben... Der Tiefenpsychologe jedenfalls hat festzustellen, dass es keine angeborene Selbstliebe des Menschen gibt. Sie wird erworben oder nicht. Wer sie nicht oder nur ungenügend erwirbt, ist auch nicht oder nur ungenügend zur Liebe anderen wie auch Gott gegenüber fähig.“

      Wir merken hoffentlich, dass hier Ursache und Wirkung geschickt vertauscht wurden und so verlassen wir das biblische Menschenbild und haben uns, ohne es vielleicht zu merken ein humanistisches Menschen- und Gottesbild zu eigen gemacht. Dieser Humanismus lehrt, der Mensch sei ein Produkt der Evolution und habe einen guten Kern. Sein Umfeld (Erziehung, Religion, Gesellschaft) mache ihn schlecht, aber er könne dennoch das Gute in sich entfalten und entwickeln. Und was sagt die Bibel?
      Das ist das biblische Bild des gefallenen Menschen. Und weil dieses Bild in den letzten Jahrzehnten immer weniger gepredigt wird, statt dessen aber um so mehr von Selbstachtung und Selbstliebe und Selbstannahme zu hören und zu lesen ist, darum gibt es heute zum Teil solch eigenartige „Bekehrungen“, wo man hinterher den Eindruck hat:
      • hier hat das Kreuz Jesu nicht wirklich seine Arbeit tun können...
      • hier ist nicht wirklich das alte Leben in den Tod gegeben worden...
      • hier ist nicht wirklich Christus im Zentrum eines Menschen und...
      • hier ist nicht wirklich neues, göttliches Leben in eine Seele eingeflossen...
      Jesus sagt in unserem Leitvers (Lukas 9:23+24), dass wir uns selbst verleugnen und unser Kreuz täglich auf uns nehmen sollen. Wie kann man das mit der natürlich menschlichen Selbstliebe vereinbaren, die von Generation zu Generation immer narzistischere Ausmaße annimmt? Solange wir sie hochheben, tätscheln und streicheln und zum Maßstab machen, solange haben wir auch den „alten Menschen“ nicht in den Tod gegeben, denn seine Herrschaft über uns ist ja das, was wir verleugnen und nicht kultivieren sollen, täglich.

      Diese Selbstverleugnung ist Jesu Worten gemäß die erste Bedingung oder das erste Kennzeichen unserer Nachfolge und bedeutet nicht, sein Menschsein oder seine Persönlichkeit zu verleugnen, sondern, dass wir unsere eigenen Interessen und Lebensvorstellungen zugunsten dem Willens Gottes unterordnen, (nicht wie ich will, sondern wie DU willst!). Dies darf sich nicht auf ein einmaliges Bekehrungserlebnis beschränken, sondern muss in jeder Situation unseres Lebens geschehen, denn sein Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet, alle eigenen Wünsche und Vorstellungen der Lebensgemeinschaft und Liebesbeziehung zu Jesus unterzuordnen. Auf diese Weise werden wir unser Leben retten, wie Jesus uns das hier verspricht, und das wahre, überfließende Leben finden, indem wir IHN mehr lieben als uns selbst und IHM erlauben SEIN Leben durch uns zu leben.

      „Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod“ (Offenbarung 12:11)

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